Blogparade: Jesper Juul – Leitwölfe sein

Jesper Juul ist Familientherapeut und Autor und gefühlt liest gerade jede und jeder sein neustes Buch „Leitwölfe sein“. Es scheint ein regelrechter Hype ausgebrochen zu sein und während ich noch sage “ Emmi Pikler schreibt, dass…“ werden die ersten Ratschläge von Jesper Juul weitergegeben. Als Pädagogin bin ich ja immer besonders skeptisch bei Erziehungs-Hypes, aber auch besonders neugierig. Also will ich ihn mir mal genauer ansehen, diesen Jesper Juul und seine Meinung.

In der Bücherhalle waren alle seine Bücher ausgeliehen – der Hype, ich ahnte es bereits. Dann entdeckte ich die Blogparade von MyToys, erwähnte, dass ich gern mitmachen würde und zwei Tage später hatte ich das Buch in der Hand. Herzlichen Dank an euch!

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Als das Baby im Bett war, machte ich es mir auf dem Sofa gemütlich und sah das Titelbild an. „Leitwölfe sein“ klingt ja erstmal hart, fand ich. Aber Juul erklärt in seinem Buch, wie das Sozialverhalten von Wölfen ist und dass die Leitwölfe – tatsächlich können sich Männchen und Weibchen diese Aufgabe teilen – stets das Wohlergehen ALLER Rudelmitglieder im Blick haben. So sollte es auch in einer Menschenfamilie sein. Überlegt mal, ist das so bei euch? Zählt jedes Mitglied im Familienrudel gleich viel? Auch du selbst? Ich persönlich habe an dieser Stelle gemerkt, dass ich das Wohlergehen meines Kindes über mein eigenes Wohlergehen stelle. Ich glaube, das geht vielen Müttern so und es ist ja irgendwie auch in Ordnung – besser jedenfalls, als wenn es anders herum wäre. Aber es birgt auch Gefahren, wenn man sich für die Familie aufopfert und sich selbst dabei aus dem Blick verliert.

Schon nach wenigen Seiten hatte ich einen schmerzenden Nacken vom bejahenden Nicken in jedem Satz.

Juul beschreibt in seinem Buch sehr gut die Ursachen für Konflikte in der Eltern-Kind-Beziehung. Seht ihr eure Kinder wirklich als gleichwürdig an? Respektiert ihr die Grenzen eurer Kinder und behandelt ihr sie stets würdevoll? In meiner pädagogischen Ausbildung habe ich genau das gelernt und in meiner pädagogischer Arbeit mit Eltern und Kindern stelle ich immer wieder fest, dass Eltern ihre Machtposition missbrauchen, dass sie ihre Kinder nicht als gleichwürdig ansehen und dass sie ihre Grenzen nicht achten. Das führt unweigerlich zu Problemen für beide Seiten. Juul beschreibt immer wieder, dass Kinder kooperieren wollen und dass sie Führung durch Erwachsene brauchen, da ihnen selbst die Erfahrung fehlt. Leider setzen zu viele Erwachsene „Führung“ mit „Macht“ mit „Unterdrückung“ gleich. In einem historischen Rückblick erklärt Juul, woher das kommt.

Der Frage, wie man selbst aufgewachsen und erzogen worden ist, muss sich laut Juul jedes Elternteil stellen und die eigene Vergangenheit kritisch reflektieren. Vermutlich ist genau deshalb die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit Bestandteil der pädagogischen Ausbildung. Nur, wer weiß, wer er ist, kann anderen gegenüber authentisch handeln. Authentizität ist einer der wichtigen Eckpfeiler, die Juul benennt. Kinder wollen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Sie wollen die Wahrheit wissen. Das ist schlau, denn man sollte gut prüfen, wem man vertraut, wem man folgt.

Ich glaube, der zentrale Punkt in Juuls Ausführungen und ebenso das, was den meisten Eltern fehlt, ist die Gleichwürdigkeit. Er hat damit einen interessanten Begriff geschaffen mit dem sich Eltern näher beschäftigen sollten.

Was Juul ebenfalls als einen der Konfliktpunkte erwähnt, ist das mangelnde Interesse der Eltern an der Persönlichkeit des Kindes. Die meisten Eltern werden sagen, sie wollen ein Kind, dass ein starkes Selbstvertrauen hat, das eine starke Persönlichkeit ist. Und gleichzeitig sind sie mit starken Persönlichkeiten überfordert, denn diese haben eigene Interessen und eigene Meinungen. Vielen Eltern ist das zu anstrengend und statt einer respektvollen, gleichwürdigen Behandlung greifen sie bei Überforderung nicht selten zu Drohungen.

Wann ging den Eltern das Interesse an der Individualität ihres Kindes verloren? Wo ist der Zauber, den sie zu Beginn in ihren Kindern gesehen haben?

Nach der Geburt sind die Eltern völlig verliebt in ihr Neugeborenes und nehmen sich viel Zeit, es kennenzulernen. Das darf nicht aufhören. Jedes Kind, mit dem ich beruflich zu tun habe, lasse ich erstmal ankommen und zeigen, wer es ist. Ich lese vorab keine Akten, ich beobachte das Kind – unvoreingenommen und neugierig, denn ich will es kennenlernen, will seine Persönlichkeit kennenlernen. Mein Job ist es, Kinder zu begleiten. In ihrer gesamten Entwicklung. Dazu gehören die körperlich und die geistige und ganz klar auch die Entwicklung seiner Persönlichkeit. Dazu muss ich mir das Vertrauen und den Respekt des Kindes erarbeiten, durch authentisches Auftreten, durch Zuverlässigkeit und durch Respekt des Kindes gegenüber, durch Unvoreingenommenheit und durch stetige Neugier und Interesse am Wesen des Kindes.

Jaja, die Pädagogin hat gut reden, die wurde ja auch so ausgebildet.
Ja, wurde sie. Aber (auch, wenn es sehr hilfreich ist) es braucht keine pädagogische Ausbildung um ein Kind zu begleiten (ich mag das Wort „erziehen“ nicht, das klingt zu sehr nach „formen“). Die Fähigkeit zu einer guten Beziehung, welche die Basis allen Lernens ist, liegt in eurem Menschenbild begründet. Meine persönliche Meinung und meine pädagogische Meinung sind identisch. Mein Handeln im Job ist identisch mit meinem Handeln im Alltag. Denn es geht um die Gesamteinstellung und die Authentizität. Es gibt keine Knöpfe, die man drücken muss, damit das Kind um 19 Uhr ins Bett geht. Es gibt kein Kommando, damit das Kind Gemüse isst. Es gibt ein über Jahre gewachsenes Band der Vertrautheit, des blinden Vertrauens und des einander Respektierens. In einer Beziehung, in der das Kind sich sicher, geachtet und respektiert fühlt, ist viel mehr möglich als in einem Klima der Angst. Klingt logisch, oder? Das ist ein hartes Stück Arbeit und es bedarf bei vielen Eltern dazu einer Veränderung der Denkweise, einer Erweiterung des Menschenbildes. Abes es lohnt sich, für euch und eure Kinder, für euer Rudel.

Es ist Zeit für eine Tasse Tee, ein paar ruhige Stunden auf der Couch und Jesper Juuls Buch “ Leitwölfe sein“. Danach habt ihr entweder ganz viele „Ja, so mache ich das auch, das klappt gut“-Gedanken im Kopf oder euch überkommt ein großes „Aha – ja, darüber sollte ich mal nachdenken“. Was immer in euren Köpfen passiert, es wird auch positive Denkanstöße geben und euch im Alltag mit euren Kinder helfen.

Lasst mich gern wissen, was ihr über Jesper Juuls Buch denkt.
Ich habe schon oft gelesen, dass ihr seine Meinung in der Theorie super findet, aber euch die praktische Umsetzung schwer vorstellt. Ich bin sehr neugierig, zu erfahren, was ihr dazu meint, wie liebevolle Führung in der Familie funktioniert.

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2 Kommentare

  1. Wir haben uns sehr über deinen Beitrag gefreut. Die Meinung von einer „Fachfrau“ ist für uns nochmal eine besondere Perspektive.

    Liebe Grüße
    Anja aus der myToys-Redaktion

    1. Vielen Dank!
      Ja, er hat wirklich Recht, der Herr Juul. Deshalb freut es mich so sehr, dass nun viele Eltern sein Buch lesen. Und natürlich hoffe ich, dass es ihnen hilft, eine bessere Beziehung zu ihren Kindern zu haben.

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